Veröffentlicht in Allgemein, Motivation

Was mich dazu bewogen hat, Lehrerin werden zu wollen

Als Lehramtsstudentin werde ich ständig und überall gefragt: Warum möchtest du Lehrerin werden?Auf diese Frage gibt es so ein paar typische Standard-Antworten, die natürlich alle nicht verkehrt sind und bestimmt auch auf mich zutreffen. Ja, selbstverständlich mag ich Kinder. Und ja, es macht mir Spaß, anderen etwas beizubringen. Und natürlich ist es auch richtig, dass dieser Beruf mit eigenen Kindern und einem Familienleben gut zu vereinbaren ist.

Aber es gibt noch eine ganz persönliche Geschichte, die schon viel früher in mir den Wunsch aufkommen ließ, Grundschullehrerin werden zu wollen. Zu einer Zeit, als ich selbst noch ein Kind war.

Eigentlich ist es gar nicht meine Geschichte, sondern die meines Bruders. Der ist vier Jahre jünger als ich und kam somit in die erste Klasse, als ich soeben mit Bravour die Grundschule hinter mich gebracht hatte und stolz aufs Gymnasium wechselte. Mein Bruder tat sich jedoch nicht so leicht wie ich. Schon in der ersten Klasse beschwerte sich seine Lehrerin bei meiner Mutter in der Sprechstunde: „Ihr Sohn ist noch so unreif, er ist einfach noch nicht so weit wie die anderen Kinder. Er ist zu langsam und kann mit dem Rest der Klasse nicht mithalten. Er trödelt. Immer ist er der Letzte!“

In der zweiten Klasse wurde es nicht besser: „Er ist noch so kindlich und verträumt. Er schweift gedanklich ab und seine Beiträge passen nicht zum Thema. Aufs Gymnasium wird er es nie schaffen, dazu ist er viel zu eigensinnig. Er kann sich in einer Gruppe nicht anpassen.“

Meine Eltern machten sich Sorgen. Mein Bruder selbst fühlte sich wie ein Versager, der nichts kann und dem nichts gelingt. Und ich war sauer. Ich kannte doch meinen Bruder: Ich wusste, dass er klug war!

In der 3. Klasse bekam er dann eine neue Lehrerin. Meine Mutter sah der ersten Sprechstunde mit dem gewohnt unguten Gefühl im Bauch entgegen. Doch plötzlich bekam sie etwas ganz Anderes zu hören: „Der Junge ist so angenehm bedächtig und überlegt. Er bringt Ruhe und Entspannung in die Klasse. Und er hat so ungewöhnliche und originelle Ideen. Er ist wirklich eine Bereicherung für den Unterricht. Mit seinen ausgefallenen Beiträgen bringt er oft ganz neue Aspekte ins Unterrichtsgespräch. Außerdem hat er klare Vorstellungen, die er durchzusetzen versteht, und er kann sich gut organisieren.“

Ein und dasselbe Kind, aus zwei verschiedenen Perspektiven betrachtet! Während die eine Lehrerin versuchte, meinen Bruder in ein Schema zu pressen, in das er nicht passen wollte, konzentrierte sich die andere auf seine positiven Seiten und förderte diese.

Mein Bruder ging plötzlich wieder viel lieber in die Schule, traute sich mehr zu und wurde zusehends leistungsstärker und selbstbewusster. Und auch wenn er nie Klassenbester wurde: Er kam aufs Gymnasium, machte Abitur und hat mittlerweile mehrere Studiengänge hinter sich.

Damals, als Kind, als große Schwester, wünschte ich mir, es würde mehr solche Lehrerinnen wie die zweite geben. Heute hoffe ich, selbst so eine zu werden.

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