Veröffentlicht in Lehrerbildung, Staatsexamen

Was das Examen mit mir und meinem Leben macht

Seit Wochen lebe ich in einer anderen Welt als alle anderen Menschen. Ich treffe niemanden mehr aus der „normalen“ Welt, ich unternehme nichts mehr, komme kaum noch raus. Warum? Ich schreibe im März mein 1. Staatsexamen.

Im Herbst dachte ich mir: So schlimm wird es schon nicht werden. Ich habe alle Kurse in der Uni fertig, alle ECTS beisammen, meine Zulassungsarbeit abgegeben und alle Scheine eingereicht. Ich kann mich nun ein komplettes Semester lang nur aufs Lernen konzentrieren. Wenn ich früh genug anfange, sollte das doch gut zu schaffen sein.

Ist es aber nicht.

Dabei kann ich mir noch nicht einmal vorwerfen, faul zu sein oder zu spät angefangen zu haben. Pünktlich zu Semesterbeginn im Oktober haben wir (meine Lernkreis-Mädels und ich) einen detaillierten Lernplan entworfen. Wir haben Biologie im Hauptfach und schreiben hier innerhalb von fünf Tagen drei Examensprüfungen. Bis Ende des Jahres wollten wir einmal komplett durch den Stoff durch sein und uns dann ab Januar ums Wiederholen und Üben an alten Aufgaben machen. Und wir waren wirklich fleißig. Aber jetzt ist schon die erste Februar-Woche vorbei und wir sind noch immer noch nicht da, wo wir eigentlich Ende Dezember sein wollten.

Seit drei Monaten sieht mein Tagesablauf in etwa so aus: Ich stehe mit meinen Kindern um 6:30 auf und mache sie für die Schule fertig (sie besuchen die 1. und 3. Klasse). Sobald sie aus dem Haus sind, setze ich mich an den Schreibtisch. Dort bleibe ich sitzen, bis sie um 16:00 wieder aus dem Hort nach Hause kommen. Ich schlüpfe für vier Stunden in die Mama-Rolle: kontrolliere Hausaufgaben, bringe Jungs zum Fußballtraining, höre mir Geschichten aus Hort und Schule an, lerne für den anstehenden HSU-Test mit dem Großen, übe Lesen mit dem Kleinen, bereite Abendessen, spiele SkipBo, lese Harry Potter vor und lege die beiden um 20:00 mit Gute-Nacht-Kuss ins Bett. Danach: Zurück an den Schreibtisch. Um 23:00 der erschrockene Blick auf die Uhr: Schon so spät? Schnell ab ins Bett, morgen muss ich wieder früh raus.

Das klingt doch eigentlich nach ausreichend viel Lernzeit, oder? Tatsächlich ist diese Lernzeit aber unterbrochen von alltäglichen Notwenigkeiten: Einkaufen gehen, Wäsche waschen, Wohnung putzen, Besorgungen machen (Hosen ohne Löcher für die Kids, neue Klebestifte und Tintenpatronen, Geburtstagsgeschenke für Klassenkameraden,…), Bürokram erledigen (die Telefongesellschaft bittet um ein Antwortschreiben, die KFZ-Versicherung fragt nach meinen aktuellen Kilometerstand, die zentrale Gebührenstelle will meinen letzten Lohnsteuerbescheid, das Finanzamt schickt die 2. Mahnung, weil ich meine Steuererklärung noch immer nicht eingereicht habe,…) und einen Tag die Woche bin ich außerdem beim Arbeiten.

Alle anderen „unwichtigen“ Aktivitäten habe ich auf Eis gelegt. Ich habe meine Nachhilfeschüler abgegeben, ebenso meinen Job in der Hausaufgabenhilfe, Skifahren fällt diesen Winter aus, ausgehen ebenfalls. Meine Mama ruft an und fragt „Wie geht es dir? Ich hab lange nichts mehr von dir gehört. Gibt’s was Neues?“ Nein, ich lerne. Was Neues gibt es schon lange nicht mehr. Mein Freund hat mir in seiner Wohnung einen Lernplatz eingerichtet, damit ich ihn überhaupt noch ab und zu besuchen komme. Meine beste Freundin habe ich seit Monaten nicht mehr gesehen.

Ich gehe abends ins Bett und murmle „Sprossapikalmeristem“ vor mich hin. Ich wache in der Früh auf und denke an die Elektronentransportkette in der Thylakiodmembran von Chloroplasten. Statt Radio zu hören, sehe ich mir morgens im Bad Videos auf YouTube an, die die Fortleitung eines Aktionspotentials in der Muskelzelle erklären.

Ich versuche, meine Kinder aus dem Lernstress rauszuhalten. So gut es eben geht. Oft geht es nicht besonders gut. Am Wochenende bringe ich sie zum Papa oder zur Oma, versuche, sie loszuwerden so oft es geht. Wenn etwas Wichtiges ansteht – Bastelnachmittag in der Schule, Fußballturnier, Geburtstag, der Wunsch mit Mama Schlittschuh zu fahren – versuche ich mir die Zeit zu nehmen, um mit ihnen zu basteln, sie anzufeuern, sie zu feiern, ihnen Ihr Minimalbedürnis nach einer anwesenden Mutter zu erfüllen. Aber so sehr ich mich auch bemühe: Es ist viel zu wenig Zeit.

Letzte Woche musste ich meinen Großen aus der Schule abholen, weil er Bauchschmerzen hatte. „Was ist los mit deinem Bauch?“ fragte ich ihn. „Ich hab Angst, dass du deine Prüfung nicht schaffst, Mama,“ war seine Antwort, „ich hab auch schon mit meinem Lehrer darüber geredet. Er sagt, ich soll dir ausrichten, um mich brauchst du dir keine Sorgen zu machen, ich komm gut mit in der Schule.“ Aber natürlich mache ich mir jetzt erst recht Sorgen. Sorgen, dass er zu viel abbekommt von meinen Stress. Dass ich ihm Bauchschmerzen bereite. Dass ich ihn mitbelaste. Dass ich ihm ein Stück seiner Kindheit und seiner Unbeschwertheit nehme.

Jeden Morgen werfe ich einen ängstlichen Blick auf den Kalender. Wie viel Zeit bleibt mir noch? Noch 2 Monate, noch 6 Wochen, noch 4 Wochen,… Und ich bin noch immer lange nicht da, wo ich sein sollte/wollte. Bislang habe ich nur Bio gelernt. Meine erste Prüfung ist aber in Grundschulpädagogik. Man sollte denken, die sei wichtiger für eine künftige Grundschullehrerin. Aber nein. Nicht in diesem Studiensystem.

Manchmal, ganz selten, stiehlt sich die Frage nach dem Sinn in mein Bewusstsein. Wofür gebe ich denn all meine Zeit auf, meine Kinder, meine Familie, meine Freunde? Ich lerne Zoologie, Humanbiologie, Ökologie, Genetik, Mikrobiologie, Immunologie, Evolution und Botanik in einer Detailgenauigkeit, die ich in meinem ganzen Leben nie wieder brauchen werde. Und ganz bestimmt nicht in meinem Alltag als Grundschullehrerin. Brauche ich dazu wirklich das Wissen um die Zellatmung bis in die kleinste molekulare Einheit? Oder den Lebenszyklus des Schweinespulwurms? Wie soll diese Prüfung, diese Note, repräsentativ dafür sein, ob ich eine gute Grundschullehrerin bin? Wäre nicht meine Tätigkeit als Nachhilfelehrerin, die ich deswegen aufgeben müsste, eigentlich eine viel bessere Vorbereitung auf meinen künftigen Beruf gewesen?

Schnell wieder wegschieben, diesen Gedanken! Der bremst mich nur, bringt mich nicht weiter. Über die Sinnhaftigkeit dieses Studiums nachzudenken ist sinnlos. Zumindest das sollte ich doch in den vergangenen neun Semestern gelernt haben. Der einzige Weg zum Ziel ist: Augen zu und durch. Bloß nicht nachdenken und hinterfragen.

Oje, wie lange habe ich an diesem Post geschrieben? Wie viel kostbare Lernzeit verloren? Ich muss dringend weiterlernen. Heute wollte ich doch noch mindestens…

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